01 Juin 2012  |  Édito
Publié dans Oberflächen POLYSURFACES 03/2012

Edito (3/2012)

Kunststoff im Elektronik­schrott: entsorgen oder recyclen?
Elektro- und Elektronikgeräte bestehen nicht nur aus metallischen Materialien sondern zu mehr als einem Fünftel auch aus Kunststoffen. Dies stellt die Recycler, die sich mit einem wachsenden Berg von Elektro- und Elektronikschrott konfrontiert sehen, vielfach vor Probleme, sind diese Kunststoffe sind äusserst vielfältig. Je nach Kunststofftyp und Anwendung können sie auch mit Schadstoffen wie bromierten Flammhemmern und Schwermetallen belastet sein. Werden dabei bestimmte, gesetzlich festgelegte Grenzwerte überschritten, ist ein Recycling nicht mehr ohne weiteres möglich.
Seit dem 1. Juli 2006 sind gemäss der EU-Richtlinie RoHS in neuen Elektro- und Elektronikgeräten maximale Konzentrationen für bestimmte Schwermetalle (Blei, Cadmium, Chrom(VI) und Quecksilber) sowie bromierte Flammhemmer einzuhalten. Um eine möglichst hohe Kunststoff-Recyclingquote zu erzielen, muss man deshalb wissen, wie sich diese Schadstoffe auf die verschiedenen Kategorien und Typen von Altgeräten verteilen. Im Auftrag des «WEEE Forums» – einer Vereinigung von Betreibern von kollektiven Elektrogeräte-Rücknahmesystemen in 24 Ländern – ist ein Team der Empa-Abteilung «Technologie und Gesellschaft» dieser Frage nachgegangen. Mit Unterstützung der Bachema AG in Schlieren wurden insgesamt 53 Mischkunststoffproben aus 15 europäischen Ländern untersucht.
Die Ergebnisse zeigen, dass in allen untersuchten Gerätegruppen bromierte Flammhemmer oder Schwermetalle vorkommen, allerdings in unterschiedlich hohen Konzentrationen. Keine Gerätegruppe lässt sich deshalb von vornherein als unproblematisch bezeichnen. Besonders hohe Konzentrationen an eingeschränkten bromierten Flammhemmern hat man in Kunststoffrückwänden von herkömmlichen Bildröhrenmonitoren gefunden; in solchen von aus Flachbildschirmen konnten sie dagegen praktisch nicht nachgewiesen werden. Hohe Schwermetallkonzentrationen wurden in Mischkunststoffen aus Haushalt-Kleingeräten (Cadmium), Informations- und Kommunikationstechnik (Blei) sowie Unterhaltungselektronik (Blei) gefunden. Es wird vermutet, dass die erhöhten Bleikonzentrationen in erster Linie auf Querkontaminationen aus der mechanischen Aufbereitung (Lötzinn) zurückzuführen sind. Um zu verhindern, dass diese Stoffe in die Umwelt sowie in Bauteile für neue Produkte gelangen, wird empfohlen, die Kunststoffe aus der Aufbereitung von Altgeräten bis zur Entsorgung beziehungsweise Verwertung einem strengen Qualitätsmanagement zu unterwerfen.
Die Ergebnisse der Studie sind in den europäischen WEEELABEX-Standard eingeflossen, der Sammlung, Sortierung, Zwischenlagerung, Transport, Wiederverwendung sowie Behandlung und Entsorgung von Elektro- und Elektronikaltgeräten regelt. Die Herausgeber von «Environmental Science & Technology» attestieren der Studie «einen massgeblichen und lang anhaltenden Einfluss auf das Fachgebiet». Sie verliehen ihr in der ersten Aprilausgabe der Zeitschrift das Prädikat «Best Paper» des Jahres 2011 in der Kategorie «Policy Analysis».
 
Aldo Tormen
Chefredaktor – Rédacteur en chef


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